Autor sucht Verlag 1 – Spuk auf Schloss Mauswald

Portrait Wolfgang Zander

Bild: Wolfgang Zander

„Spuk auf Schloss Mauswald“ (Wolfgang Zander)

Ein Kinderbuch über ganz besondere Helden, welche auch Erwachsene nicht mehr loslassen. Wunderbar geschrieben mit liebevollen Charakteren.

 

Welches Projekt möchtest du uns präsentieren? 

Das Projekt heißt „Spuk auf Schloss Mauswald“ und basiert auf einem meiner selbst geschriebenen Theaterstücke. In der Geschichte geht es um Fridolin, einem Mäuserich, der mit seinem besten Freund Max Maulwurf ein baufälliges Haus in der „Geheimen Tierwelt“ bewohnt. Fridolin ist vernarrt in die spannenden Bücher über Sherlock Mouse, dem berühmten Geheimdetektiv. Eines Tages entdeckt er mitten auf der Strasse einen verloren gegangenen Brief, in dem ein Hilferuf steht. Dem nach spukt es auf Schloss Mauswald und die Schlossherrin Lady Mimi ist spurlos verschwunden. Aufgeregt sieht Fridolin, dass der Brief an Sherlock Mouse adressiert ist. Nach kurzem Überlegen fasst Fridolin den Entschluss, sich nach Schloss Mauswald zu begeben und dort als Geheimdetektiv „Sherlock Mouse“ aufzutreten. Ein Traumwird wahr! Einmal so sein wie Sherlock Mouse (den es ja eigentlich gar nicht gibt). Jedoch dort macht er Bekanntschaft mit dem Schlossgeist, einem ominösen Graf Fuchs und anderen Dingen, die er wohl nicht erwartet hätte. Hätte er nur auf Max gehört…

 

Zu welchem Genre gehört es?

Kinderbuch, vielleicht Fabel? Abersicher ein bisschen fabelhaft. Märchen. Fantasie.

Welche Zielgruppe sprichst du damit an?

Kinder im Grundschulalter. Vielleicht ältere Kindergartenkinder als Zuhörer, dementsprechend natürlich Eltern, die so etwas gerne vorlesen wollen und selbst noch Spaß dabei haben.

Und natürlich alle, die sich dafür interessieren.

 

Welchen Umfang hat dein Werk? 

Die Geschichte hat 20.484 Wörter.

Mit welcher auf dem Buchmarkt befindlichen Geschichte lässtes sich vergleichen?

Es gibt einen Katzenkrimi „Felidae“ von Akif Pirinçci. Jedoch war es ein Erwachsenenroman. Ich habe ihn nie gelesen, finde aber das Thema, Geschichten mit Tieren zu schreiben, die auch in der Menschenwelt spielen könnten, faszinierend. Ein Füllhorn von Ideen öffnet sich. Was gibt es da für Möglichkeiten! Jetzt wird mancher sagen, so was sei doch lachhaft. Ziemlich unrealistisch das Ganze. Nun gut, ist ein Nimbus 2000, ein sprechender Hut oder ein Totesser realistisch?

 

Was zeichnet deine Geschichte besonders aus? Was unterscheidet sie von anderen?

Vielleicht habe ich einen besonderen Draht zu dieser Geschichte, weil ich sie seit 2002 mit unseremTheater (natürlich in sehr abgespeckter Version) spiele. Sie verbindet selbstverständliche alltägliche Dinge aus der Menschenwelt mit den Eigenheiten und Gewohnheiten der Tiere. Das Ganze ergibt eine völlig neue Welt, mit eigenen Regeln und Gesetzen.Ich bin bemüht, mit meinen Geschichten, ob als Buch oder im Figurentheater, die Besucher oder Leser in andere Welten eintauchen zu lassen. Ich denke diese Geschichte ist eine Mischung aus Märchenbuch und Fantasyroman für Kinder.

Wobei das eine das andere nicht ausschließt.

Was sie von anderen unterscheidet, mag ich nicht hundertprozentig zu sagen, aber ich denke, mit dieser Geschichte einen Anfang gemacht zu haben, nämlich spannende und unterhaltsame Geschichten aus einer anderen Welt zu erzählen.

 

Welcher Charakter liegt dir besonders am Herzen und warum?

Ganz klar Fridolin. Er ist neugierig und gibt nicht auf, bis ein Ergebnis vorliegt. Er hat gerade soviel Mut, dass es ausreicht, ohne größeren Schaden anzurichten und mit Vorsicht Herausforderungen entgegenzutreten. (Zumindest in diesem Buch. Man weiß ja nicht, was noch kommt) Er ist ein guter Freund und Weggefährte. Er ist also eine sehr menschliche Maus.

 

Wo findet man dich im Internet?

Habe keine Autoren-Website, aber eine Theaterhomepage, die noch nicht ganz komplett ist:

www.nordlicht-figurentheater.de

Schloss Mauswald

Schloss Mauswald. Bild: Wolfgang Zander

Zu Wolfgang Zander:

Was machst du im „wahren“ Leben?

Im Grunde führe ich ein Doppelleben. Gelernt habe ich Einzelhandelskaufmann und bin teilweise auch noch als solcher tätig. In der „realen Welt“ und im Herzen bin und bleibe ich Figurenspieler. Und das seit 1991. Nebenbei auch Autor meiner Theaterstücke. Dies macht unendlich Spaß. Ich spiele gern mit Worten, erfinde leidenschaftlich Geschichten. Fast alle Kleinkinderstücke für unsere Bühne stammen aus eigener Feder.

 

Was erhoffst du dir für die Zukunft?

Dass meine Geschichten immer Zugang zu den Lesern und zu den Zuschauern finden. Und dass meine Frau und ich (sie schreibt auch an einem Buch) lange gesund, fit und glücklich bleiben, um diese schönen Berufe möglichst lange ausüben zu können!

 

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre es?

Ganz schöne Fangfrage. Das Glasmännlein in „Das kalte Herz“ sagte immer: „Wähle mit Bedacht!“ Ich denke ich würde mir nichts wünschen, wenn sich meine Zukunftshoffnung in dervorherigen Frage erfüllen. Es schließt alles ein.

 

In welches Buch würdest du am liebsten reisen?

„Reckless“ von Cornelia Funke. Zwei Welten nebeneinander, nur durch einen Spiegel getrennt.

 

Wolfgang Zander mit Puppe

Bild: Wolfgang Zander

Leseprobe:

VORSICHT! Wer einmal angefangen hat, kann so schnell nicht mehr aufhören zu lesen.

Noch ein kleiner Hinweis: Facebook verschluckt bei Notizen gerne Leerzeichen. Viele Leerzeichen. Ich habe den Text noch einmal überarbeitet und sie eingefügt, aber habe vielleicht welche übersehen. Bitte einfach darüber hinwegsehen. Im Originaltext waren diese Fehler nicht.

 

1

Es gibt viele Bücher über Burgen, Schlösser, edle Ritter, die Prinzessinnen vor den Drachen retten und natürlich auch Schlossgespenster. Diese Märchen stammen alle aus einer früheren Zeit. Aber unsere Geschichte liegt noch nicht lange zurück.

Sie ereignete sich in einem Land, welches man als geheime Tierwelt bezeichnete. Es war gar nicht so weit weg, aber trotzdem weit genug von den Menschen entfernt. Die gab es in diesem Land überhaupt nicht. Das kam daher, dass es nie gefunden werden konnte. Abgesehen davon wusste ja auch keiner von diesem Land und darum hatte nie jemand danach gesucht.

In diesem geheimnisvollen Land lebten nur Tiere. Alle möglichen Arten krochen, rannten, flogen und wuselten dort herum. Elefanten, Löwen, Spinnen, Regenwürmer, Eisbären, Vögel, Katzen, Eichhörnchen und viele, viele mehr.

Auf den ersten Blick noch nichts Besonderes. Nein, wahrlich nicht, aber in diesem Land lebten die Tiere wie Menschen. Es gab Autos, Fahrräder, Straßenbahnen, Schulen, Finanzämter, Einkaufsläden, Kirchen, ja kleine Häuser für alle Tierarten. Außer für Schnecken, denn die hatten ja ihr Haus immer dabei.

Jedes Tier machte Tag für Tag, was es am besten konnte. Die Biber bauten fleißig Dämme, die Mistkäfer kümmerten sich um die Müllabfuhr, bei den Stinktieren gab es Parfümerien, wo sich zum Beispiel gerne einmal die einen oder anderen Pudeldamen verirrten und die neuesten Parfüms zeigen ließen, oder die Katzen sich einen neuen Krallenlack kaufen konnten.

Es gab dort auch ein Schloss. Es war Schloss Mauswald und wie der Name schon vermuten lässt, stand es in einer Gegend, wo es überwiegend Mäuse und Ratten gab, mitten in einem dichten Wald, umgeben von uralten Bäumen, die schon hunderte von Jahren dort standen, so als wollten sie über alles und für alle Zeit ein wachsames Auge über das Schloss haben.

Es konnte sein, dass mal ein anderes Tier, zum Beispiel ein Hund oder ein Hase in diese Gegend kam. Schließlich ist es bei den Tieren wie bei uns Menschen. Sie verbringen gerne ihre Freizeit mal woanders, möchten gerne neue Leute kennenlernen und manchmal passierte es, dass es ihnen in der fremden Gegend so gut gefiel, dass sie dort am liebsten wohnen mochten. Jedoch ist das gar nicht so einfach in der Tierwelt, denn jedes Tier ist anders. Man stelle sich vor, ein Seehund möchte in ein Goldhamsterhaus einziehen. Das geht natürlich nicht. Die benötigte Badewanne wäre viel zu klein. Und Fisch gäbe es auch nicht zum Mittag, denn Goldhamster essen, wie jeder weiß,  am liebsten Müsli.

Auf Schloss Mauswald lebten allerdings nur Mäuse und ein paar Ratten. Ab und zu kamen andere Tiere vorbei. Vornehme Tiere wie Baron Dachs oder Graf Fuchs, die der Schlossdame, Lady Mimi einen Besuch abstatten und über die anstrengenden Regierungsgeschäfte reden wollten. Danach gingen sie aber wieder ihrer Wege.

So lebte man halbwegs zufrieden und glücklich in der Welt der Tiere.

Aber nicht alle!

Denn irgendwo, mitten in der Mäusestadt, stand ein altes, zerfallenes Haus mit einem ziemlich kaputten Schornstein aus roten Backsteinen. Einige Dachziegel fehlten und manchmal regnete es durch. Der Fensterrahmen war rissig und teilweise mit dünnem Moos bewachsen.

Die Tür hing schief in den Scharnieren und man sah durch einen Spalt Licht durchscheinen.

Wenn man durch das Fenster sah, konnte man etwas von der Wohnung sehen, die sich dahinter befand.

Hohe Regale sah man. Kein freier Fleck war mehr an den Wänden frei. Alles Regale voller Bücher. Selbst auf dem Fußboden neben den Gefäßen die dort den Regen, der durchs Dach tropfte, auffingen. Kleine und große Stapel mit dicken und dünnen Büchern. Ein paar lagen aufgeschlagen oder mit der Innenseite nach unten. Sogar im offenen Kühlschrank, der schon lange nicht mehr kühlte, und im Backofen, der natürlich schon länger nicht mehr heizte, lagen Bücher. Woanders war ja auch kaum noch Platz. Der Tisch war schon lange zugestellt und die Stühle, die man ja dann auch nicht brauchte, wurden zu Buchablagen umfunktioniert. Manche Bücher waren schon etwas älter und boten, in den Ecken liegend einigen Spinnen ein neues Zuhause. Tja, die Wohnung war offensichtlich viel zu klein für all die ganzen Bücher. Oft auch, wenn die funzelige Hängelampe bei Durchzug wackelte, warf sie merkwürdige Schatten in den Raum.

Hier wohnte Fridolin. Fridolin war ein waschechter Mäuserich. Er wohnte aber nicht allein, denn zuerst war es die Wohnung von Max, dem Maulwurf. Die beiden waren dicke Freunde, nein, sogar die besten Freunde. Sie waren ein Herz und eine Seele. Wenn es einem der beiden nicht gut ging, half ihm der andere. Oder wenn einer traurig war, spendete der andere Trost. Wie Pech und Schwefel hielten sie zusammen.

Irgendwann hatten sie beschlossen gemeinsam zu wohnen. Und bisher hatten sie es nicht bereut.

Fridolin las gerne und jetzt könnt Ihr euch ja vorstellen, wem die ganzen Bücher gehörten. Er las schon mal den ganzen Tag ohne Unterbrechung und merkte nicht mal wie die Zeit verging. Manchmal las er drei Tage am Stück und wenn Max nicht aufgepasst hätte, würde er sogar vergessen etwas zu essen oder zu trinken. Tja, Lesen war Fridolins liebstes Hobby und wer sagt schon etwas gegen Hobbys?

2

Einmal war wieder so ein verregneter Lesetag, weil Fridolin sich das neueste Buch über den großen Detektiv Sherlock Maus besorgt hatte. Davon hatte er viele Bücher. Eigentlich die meisten.

Max war nicht zu Hause. Er sammelte Obst in einer Holzkiste für Frau Ratzfatz.

Frau Ratzfatz gehörte das Haus, in dem Max und Fridolin wohnten.

Die beiden durften hier wohnen, so lange sie immer Donnerstags Frau Ratzfatz eine Kiste mit frischem Obst abgaben. Das war die Miete für die Wohnung. Aber eine Kiste war viel! Vor allem war es anstrengend, immer so viel Obst zu finden, denn die beiden Freunde hatten kein Geld, um das Obst einfach zu kaufen. Sie mussten sehen, dass sie etwas beim Bauern oder im Laden geschenkt bekamen. Oft ist Max auch über Zäune geklettert und hat einfach Stachelbeeren, Kirschen und Pflaumen, Birnen und Äpfel von den Bäumen und Sträuchern stibitzt. Aber das fand Max nicht so schlimm, denn es gab ja schließlich genug davon.

Fridolin hat dann Wache gehalten. Das konnte er gut. Das hatte er sich aus den ganzen Büchern über Sherlock Maus abgeguckt. Überhaupt, geheim sein, das war seine Stärke. Einmal Sherlock Maus sein…

Fridolin las an diesem Abend dem Stoffteddybär, der in der Ecke saß, etwas aus dem neuen Buch vor. Er gab sich Mühe, so spannend und fesselnd wie möglich zu wirken. Dabei bekam er manchmal vor sich selbst ein bisschen Angst.

„…und Sherlock Maus kam zu dem unheimlichen Haus“, las er. „Er wartete, bis er ein Geräusch hörte. Er ging langsam um das Haus herum, aber er sah nichts. Da! Er hörte wieder ein Geräusch! Plötzlich war es hinter ihm und er drehte sich langsam um. Da stand genau vor ihm das Ungeheuer.“

Fridolin erschauerte. Das war bis jetzt das beste Buch gewesen. Aber auch das unheimlichste. Moment! Hatte sich da hinter dem Tisch etwas bewegt? Nein, doch nicht. Er schluckte. Das tut man manchmal, besonders, wenn man aufgeregt ist.

War da gerade jemand am Fenster? Quatsch, da war keiner. Er las weiter: „Das Ungeheuer sah fürchterlich aus. Ein großes Maul und große Augen und plötzlich brüllte es….“

„Wo soll ich das Obst hinstellen?“

Fridolin hatte Max gar nicht bemerkt, der gerade mit einer Kiste frischem Obst hereingekommen war. Umso mehr erschrak er über Max dermaßen, dass er kreidebleich und mit einem Aufschrei das Buch in hohem Bogen in die Luft warf. Max ließ, ebenfalls mit einem Aufschrei die schwere Kiste fallen und alles plumpste zu Boden. Das Buch landete auf dem Rand des Tellers mit Haferflocken, der auf dem Boden stand. Die Haferflocken wurden in die Höhe geschleudert und fielen auf sein regennasses Fell herunter. Dort klebten sie nun und Max sah aus wie eine Müslistange. Nur ohne Rosinen.

„Oh, oh, entschuldige Max! Ich dachte, d..du wärst…“, stotterte Fridolin.

„Was?“, fragte Max. Er regte sich auch ein kleines bisschen auf. „War ich diesmal ein Kobold, ein Drache, oder wieder ein Ungeheuer? Ach Fridolin!“ Und das klang eher ein bisschen traurig. „Seit dem Du bei mir wohnst, haben wir wegen der vielen Bücher kaum noch Platz. Außerdem schmeißt uns Frau Ratzfatz raus, wenn wir ihr nicht pünktlich jede Woche ihr Obst geben.“ Bei dem Wort Ratzfatz spuckte er aus versehen ein paar Haferflocken aus.

„Du hast ja recht“, sagte Fridolin kleinlaut. „Tut mir auch leid. Aber schau mal, es war doch gar nicht so schlimm…die paar Druckstellen.“ Dabei bückte sich Fridolin und begann vorsichtig das Obst aufzusammeln, oder was davon übrig war. Das war nicht viel. Überwiegend war es Matsch mit Kernen oder es hatte tiefe Druckstellen.

„Ich glaub, das hat keinen Zweck mehr. Das Obst ist hin. Ein ganzer Tag Arbeit umsonst. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben.“ Max stand wie angewurzelt da.

„Ach Max. Lass deinen Kopf nicht hängen. Morgen bin ich wieder dran, wenn ich meine Lesestunde hinter mir habe und du wirst sehen, es wird alles wieder gut. Ich weiß, wo es Unmengen Obst für uns gibt.“

Max wusste, dass Fridolins Lesestunde schnell zu einem Lesetag werden konnte. Aber er hatte ja Recht. Passiert ist passiert. Was soll´s? Er meinte es ja gut.

„Ist in Ordnung“, sagte Max.

„Dann bist du nicht mehr böse auf mich?“

„Blödsinn! War ich doch nie. Vielleicht ein bisschen traurig, aber jetzt nicht mehr. Wir sind doch gute Freunde. Da kann man sich doch nicht böse sein!“

Plötzlich wurde Fridolin sehr nachdenklich. „Du, Max! Was würdest du anders machen, wenn du dein Leben noch einmal von vorn beginnen könntest?“

„Komische Frage“, antwortete Max. „Keine Ahnung. Vielleicht würde ich zaubern lernen, dann könnte ich das Obst einfach wieder heile zaubern. Und du?“

„Ich würde ein großer Geheimdetektiv werden. Wie der berühmte Sherlock Maus.“

„Aber Fridolin. Sherlock Maus hat’s doch nie gegeben. Der ist doch nur erfunden!“

Fridolin widersprach: „Man muss nur ganz fest dran glauben, Max. Dann können sogar Märchen war werden.“

Nach diesen Worten ging er zum Fenster und versank kurz in Träumerei. Während Max versuchte, die Haferflocken aus seinem Fell zu pflücken, sagte er: „Ich weiß was wahr wird. Dass Frau Ratzfatz jeden Moment hier erscheinen kann und ihre Kiste mit Obst haben will.“

Richtig sehen konnte er auch nicht, da seine Brille ebenfalls mit Haferflocken zugekleistert war.

Aus seinen Gedanken gerissen antwortete Fridolin: „Ach, diese Frau Ratzfatz. Immer diese Frau Ratzfatz. Wenn ich Sherlock Maus wäre, dann…ja, dann….“ Max unterbrach ihn. „Du bist es aber nicht.“ Und mit einem Augenblinzeln fügte er aus Spaß hinzu: „Noch nicht. Jedenfalls bin ich jetzt müde. Der Tag war sehr anstrengend und morgen wird´s wahrscheinlich auch nicht besser. Ich geh ins Bett!“

„Warte, ich helfe dir noch beim Aufräumen“, sagte Fridolin und nahm die Holzkiste auf. „Danke Fridolin. Freunde machen immer alles zusammen, stimmts?“

„Ja, wie wir beide. Für immer und ewig.“

„Genau. Gute Nacht, Fridolin“

„Gute Nacht Max. Ich les´ noch etwas vor dem Schlafen gehen.“

„Natürlich, ich weiß.“

Wie sollte es auch anders sein?

Fridolin eilte zurück zu seinem Buch, befreite es von den Haferflocken, die sich auch zwischen den Seiten befanden, schüttelte einmal kräftig und suchte die Stelle, wo er aufgehört hatte zu lesen. Er versank wieder in der Geschichte, die ihn abermals vollkommen fesselte und er vergas sogar, das er auch irgendwann schlafen gehen wollte.

Gerade, als es am spannendsten war, klopfte es an der Tür. Fridolin hatte Schwierigkeiten, sich wieder zu orientieren. War er nicht gerade mit dem Ungeheuer beschäftigt? Wer klopft denn jetzt um diese Uhrzeit an die Tür? Bevor er eine Antwort bekam, klopfte es wieder.

„Herein, die Tür ist offen.“

Eigentlich ganz schön leichtsinnig, dachte Fridolin. Das Ungeheuer hätte einfach so zur Tür hereinkommen können. Und dann? Sherlock Maus konnte ihm nicht helfen.

„Offen? Sag das doch gleich und lass mich gefälligst nicht draußen im Regen stehen!“

Frau Ratzfatz! An die hatte er gar nicht mehr gedacht. Sie kam immer im ungünstigsten Moment. Mmh, dachte Fridolin. Auch eine Art Ungeheuer.

Frau Ratzfatz war eine Ratte, also größer als Fridolin. Sie trug einen wirren Haarschopf, dessen Locken ihr ständig ins Gesicht fielen, ein Paar gefährlich aussehende, vorstehende Zähne. Um den Hals trug sie ein altes fransiges Halstuch, das Kleid war ziemlich altmodisch und dreckig. Und zu allem Überfluss, um die Hässlichkeit noch zu unterstreichen, hatte sie Ohrringe, die wie Duschvorhangringe aussahen. Da sie nicht mehr so gut zu Fuß war, benutzte sie einen Stock. Alles zusammen ließ Frau Ratzfatz ein wenig unheimlich erscheinen. Besonders in diesem Licht. Die Lampe wackelte an der Decke durch den Wind, der zur offenen Tür hereinwehte und ließ die Schatten wieder tanzen. Auch den von Frau Ratzfatz, der sie noch viel größer erscheinen ließ.

„Guten Abend Frau Ratzfatz“, versuchte Fridolin im freundlichsten Ton, den er drauf hatte, zu sagen.

„Was soll an diesem Abend gut sein?“, murrte Frau Ratzfatz, während sie sich kritisch im Zimmer umsah.

„Wo ist denn dein komischer Freund, dieses Frettchen?“

„Maulwurf! Er ist ein Maulwurf“, sagte Fridolin verbessernd. „Er hat sich schon schlafen gelegt.“

„Schlafen?!“

Frau Ratzfatz hatte bei diesem Wort wieder eine wilde Locke in ihr Gesicht befördert, damit es sehr bedeutend wirkte. „Ha! Ich wusste immer, dass er ein Faulenzer ist! Liegt auf der faulen Haut!“

Fridolin wollte etwas sagen, aber in dem Moment behielt er es lieber für sich. Bloß nicht noch mehr Ärger heraufbeschwören.

„Also, was ist nun?“, fragte Frau Ratzfatz, stemmte ihre Hände in die Hüfte und tippte mit dem linken Fuß immer auf den Boden. Ihr war das Obst noch gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war sie kurzsichtig.

„Was ist was?“, fragte Fridolin, obwohl er genau wusste, was Frau Ratzfatz meinte.

„Heute ist Donnerstag, mein lieber und was ist Donnerstags?“

„Ach so, jetzt weiß ich wieder. Natürlich, Donnerstag ist ein Tag vor Freitag.“

„Das weiß ich auch, dass Donnerstag ein Tag vor Freitag ist, das meine ich nicht!“, meckerte Frau Ratzfatz.

„Ein Tag nach Mittwoch?“, fragte Fridolin mit verschmitztem Grinsen, um ein bisschen Zeit zu schinden. Aber bringen würde es nichts. Außerdem wurde Frau Ratzfatz langsam wütend.

„Sag mal, mein Freund,“ und dabei zeigte sie mit dem Stock auf Fridolin „Ich habe den Eindruck, du willst mich auf dem Arm nehmen, wie?“

Bedrohlich ging sie langsam auf Fridolin zu. „Ich glaube, ich muss dir mal auf die Sprünge helfen. Miete! Ich bekomme heute meine Miete, meine Kiste mit frischem Obst. Also, wo ist meine Miete?“

„Dort drüben.“ Fridolin zeigte hinter Frau Ratzfatz. Ruckartig drehte sie sich um.

„Wo? Ich sehe nichts.“

„Doch, doch, etwas weiter unten….besser gesagt, ganz unten.“

Jetzt entdeckte Frau Ratzfatz das zermatschte Obst auf dem Fußboden.

Fassungslosüber das matschige Etwas und über die Frechheit, die sich Fridolin ihr gegenüber erlaubt hatte, starrte sie für ziemlich genau fünf Sekunden auf die gleiche Stelle.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, murmelte sie. Dann drehte sie ihren Kopf langsam zu Fridolin um und man konnte ein gefährliches Leuchten in ihren Augen erkennen.

Ganz langsam und ruhig fing sie an zu sprechen: „Also gut, meine sehr verehrten Herren!“

Das sagte sie manchmal, wenn sie langsam wütend wurde. „Ich sehe, ihr nehmt mich nicht ernst.“ Nun wurde sie wieder etwas lauter und bewegte sich wieder auf Fridolin zu. „Ich sehe ein, dass ich heute meine Miete wohl nichtbekommen werde. Aber, und das solltet ihr euch gut merken, morgen, am Freitag, den 13ten komme ich wieder und wehe euch, ihr habt keine Kiste mit frischem, wunderschönen, saftigem, duftendem, erstklassigen Obst für mich. Dann nämlich werdet ihr nicht mehr hier wohnen, denn ich werfe euch raus, kapiert?“

Mit dem letzten Wort stieß sie mit ihrem Stock bedeutungsvoll auf den Boden, drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Wohnung. Laut ließ sie die Tür ins Schloss fallen. Dabei blätterte wieder ein bisschen Farbe ab und rieselte auf die Fußmatte.

„Alte Schnepfe!“, sagte Fridolin. Die Tür wurde aufgerissen und Frau Ratzfatz´s Kopf erschien. Das konnte sie unmöglich gehört haben, dachte Fridolin. „Wie war das?“

„Oh, ich sagte nur: Eine Schnecke, dort im Obst!“

Frau Ratzfatz glotzte in die Richtung, wo das Obst lag. „Ekelhaft“, sagte sie nur und war wieder verschwunden. Ein Stein fiel Fridolin vom Herzen. Geschafft. Sie ist weg. Wieder einen Tag gewonnen. Morgen wird sie ihr Obst bekommen und dann ist wieder eine Woche Ruhe. Man hörte Frau Ratzfatz immer noch schimpfen. „Und hier draußen könntet ihr auch mal wieder fegen!“

Fegen, dachte Fridolin. Sherlock Maus würde auch nicht…fegen! Jetzt wollte Fridolin auch nicht mehr lesen. Er hatte genug für heute. Frau Ratzfatz hatte ihn aus seiner heilen Bücherwelt dermaßen herausgerissen, dass er eigentlich nur noch ins Bett wollte. Aber vorher nahm er sich noch schnell den Besen um draußen zu fegen, wie es Frau Ratzfatz verlangt hatte. Ansonsten würde es morgen wiedermal Ärger geben. In Gedanken versunken fegte Fridolin den Gehweg. Gerade in dieser Strasse schienen die Leute besonders wenig auf Sauberkeit zu achten. Alles Mögliche lag herum. Alte Zeitungen, zerknüllte Papiertüten vom Einkauf, nasses Laub, ein Brief…

Moment mal! Ein Brief?

Micha

Über Micha

Der Mann hinter der Tastatur. Die Tastatur hinter einem Berg von Kaffeetassen.

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