Autor sucht Verlag 5 – Eine literarische Entführung in die Welt der Mayas

Elyseo da Silva

Bild: Elyseo da Silva

„Mosaik der verlorenen Zeit“ (Elyseo da Silva)

Eine Geschichte von Träumen und Träumern – Lebensträumen, aber auch solchen der Nacht.

 

Welches Projekt möchtest du uns präsentieren?

Ich möchte euch meinen Roman „Mosaik der verlorenen Zeit“ vorstellen.

Julián verbrennt. Schuld daran ist ein Alptraum, der nach dem Erwachen Brandblasen auf seinem Körper hinterlässt. Kein Arzt, kein Psychologe, kein Medikament scheinen Julián helfen zu können.

Just zur Zeit von Juliáns größter Verzweiflung steht unerwartet Kyriel vor seiner Tür. Die beiden Freunde haben sich seit Jahren nicht gesehen. Doch ist Kyriel selbst auf der Flucht vor den eigenen Erinnerungen. Er hat seine Freundin Laura verloren und hält es in seiner Heimatstadt nicht mehr aus. Jeder Schritt durch die Straßen Nürnbergs erinnert ihn an seine verlorene Liebe.

Als Julián schließlich erfährt, dass seine Mutter ihn ein Leben lang belogen hat und diese Lüge womöglich der Schlüssel ist, der ihm fehlt, um endlich zu verstehen, weshalb ihn dieser Traum verfolgt, beschließen er und Kyriel, sich auf eine Reise zu begeben, die ihrer beider Leben für immer verändern wird.

Auf der anderen Seite der Welt, in einem kleinen Dorf in Guatemala, wächst das Maya-Mädchen María Dolores, genannt Yoyo, auf. Ihre Kindheit endet von einem Tag auf den anderen, als sie vor der Tür der Hütte, in der sie gemeinsam mit ihrer Familie lebt, ein Symbol entdeckt. Auf einem Felsen prangt eine weiße Hand.

Jeder in Guatemala weiß, was dieses Symbol zu bedeuten hat: Jemand wird sterben…

 

Zu welchem Genre gehört es?

Im „Mosaik der verlorenen Zeit“ werden verschiedene Genres verwoben. Es ist ebenso historischer Roman wie literarischer Road-Movie, ebenso Coming-of-Age-Geschichte wie ein Werk des Magischen Realismus.

 

Welche Zielgruppe sprichst du damit an?

Meine Zielgruppe sind Menschen, die sich am liebsten mit einem Buch ins Bett verkriechen, sich die Decke bis unters Kinn ziehen und dann die Welt ringsumher vergessen.

Dieses Gefühl ist es, was ich selbst seit frühester Kindheit in einem Buch suche – es ist auch das, was ich anderen Menschen geben möchte.

Mein Roman ist kein Jugendbuch, für junge Erwachsene ab 14 Jahren jedoch sicherlich ebenso fesselnd wie für ältere Semester.

 

Welchen Umfang hat dein Werk?

ca. 760 Normseiten, 165.000 Wörter

 

Mit welcher auf dem Buchmarkt befindlichen Geschichte lässt es sich vergleichen?

Die Vermischung von Abenteuer und historischer Hintergrundgeschichte lässt sich mit „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón oder „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier vergleichen.

 

Was zeichnet deine Geschichte besonders aus? Was unterscheidet sie von anderen?

Das „Mosaik der verlorenen Zeit“ ist eine Geschichte von Träumen und Träumern – Lebensträumen, aber auch solchen der Nacht. Der Titel ist mit Bedacht gewählt. Das „Mosaik der verlorenen Zeit“ ist der Versuch, die Welt zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten und aus unterschiedlichen Perspektiven zu begreifen, ohne das Verbindende aus dem Blick zu verlieren. Die verschiedenen Figuren der Handlungsstränge sind die Steinchen, die das Mosaik ergeben. Allesamt müssen sie sich mit dem Motiv des Verlusts auseinandersetzen – und der zugehörigen Sehnsucht nach Zusammenfügen dessen, was zerbrochen scheint.

 

Welcher Charakter liegt dir besonders am Herzen und warum?

Als Schreiberling liegen mir all meine Charaktere am Herzen. Sie alle stellen Facetten meiner selbst dar. Über keinen von ihnen würde ich den Stab brechen, noch nicht einmal über meinen Bösewicht Rivadeneira.

Solltet ihr euch mit dieser Antwort nicht zufrieden geben wollen, bekenne ich mich zu einer kleinen Vorliebe für Kyriel, weil er einem Menschen nachempfunden ist, der mir einmal sehr nahe stand.

 

Deine Geschichte spielt in Guatemala zur Zeit des Bürgerkriegs. Wie kamst du dazu? Wie hast du recherchiert?

Vor gut zehn Jahren verbrachte ich vier Monate in Guatemala. Die Menschen dort haben mich tief beeindruckt. Als Europäer würden wir das Leben der Menschen in Guatemala oft als von Armut und Chancenlosigkeit geprägt kategorisieren. Als ich das Land kennen lernte, faszinierte mich das Glück, das die Menschen dort ausstrahlten. Sie mögen nach unserem Maßstab arm sein – und doch sind sie auf andere Art reich. Sie besitzen eine Art der Wahrnehmung, die mir fremd war, sind noch viel mehr mit ihrer Umgebung und der Natur verbunden.

Als ich begann, meinen Roman zu schreiben, wusste ich nicht, dass er mich nach Guatemala zurückführen würde. Ich fing mit einer Szene an, die in Nürnberg spielte. Dann befragte ich meine Figuren, was ihnen widerfahren war. Irgendwann wurde mir klar, dass die Geschichte mich nach Guatemala führen würde. Das machte mir zunächst Angst.

Wer war ich schon, dass ich als Mitteleuropäer die Geschichte einer Maya-Frau erzählen wollte? Dann aber beschloss ich, mich dieser Herausforderung zu stellen. Nicht zuletzt, da mir klar war, wie wenig in Deutschland über den Genozid und den Bürgerkrieg in Guatemala bekannt war. Ich las mich in die Kriegsthematik und die Weltanschauung der Mayas ein. Auch beschaffte ich mir die Zusammenfassung eines tausende Seiten starken Berichts der Erzdiözese Guatemala Stadt, in dem Hinterbliebene und Überlebende zu Wort kamen.

Wenn ich an der Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, verzweifeln wollte, half mir letztlich eins: Das Wissen darum, dass wir alle, so unterschiedlich unsere Kulturen auch sein mögen, letztlich etwas haben, das uns eint: unser Mensch-Sein. Und so ist auch meine Yoyo letztlich vor allem das geblieben: ein Mensch.

 

Wo findet man dich im Internet?

Auf www.elyseoswelt.de, meinem Blog, findet ihr allerlei Texte von mir – von meinen Reiseberichten (zuletzt aus Georgien, Armenien und dem Iran), über Essays über Politik und Gesellschaft, Nachklänge zu Büchern, die ich gelesen habe, bis hin zu Kurzgeschichten.

Natürlich bin ich auch auf Facebook vertreten: https://www.facebook.com/ElyseosWelt oder https://www.facebook.com/elyseo.dasilva.

Bei Twitter könnt ihr mir unter https://twitter.com/@elyseodasilva folgen.

Auf Google plus bin ich unter https://plus.google.com/+ElyseodaSilva vertreten.

 

Stelle dich selbst doch bitte kurz vor! Was machst du im „wahren“ Leben?

Mein Leben verläuft in den vergangenen Jahren zweigeteilt: Sieben bis acht Monate des Jahres verbringe ich in Köln und unterrichte an einer Sprachschule Deutsch als Fremdsprache.

Seit ich mit 17 Jahren John Irvings „Garp und wie er die Welt sah“ gelesen habe, weiß ich, was ich in meinem Leben will: Schreiben und mit meinem Schreiben die Menschen berühren.

Also widme ich mich den Rest des Jahres meiner Priorität: dem Schreiben. Da ich überall schreiben kann, verbringe ich diese Zeit im Ausland – zuletzt im Iran und im Kaukasus, davor in Indien, in Kanada etc.

 

Was erhoffst du dir für die Zukunft?

Mein größter Traum ist es, mich irgendwann ganz auf das Schreiben konzentrieren zu können. Die Berufung zum Beruf machen, sozusagen. Außerdem trage ich noch immer diese unersättliche Neugier auf die Welt in mir und möchte am liebsten alle Länder auf dem Erdball bereisen.

 

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre es?

Mit meiner Geschichte die Menschen so zu berühren, wie es Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“ mit mir gemacht hat. So, dass ich das Buch alle paar Monate aus dem Regal nehmen und mir meine liebste Stelle laut vorlesen muss.

 

Wie sähe die perfekte Verfilmung deines Buches aus?

Ich bin nicht sicher, ob ich wollte, dass mein Buch verfilmt wird. Nur bei Büchern, die mir nicht sehr gut gefallen, finde ich die Filme bisweilen besser. Meist bin ich enttäuscht. Ich weiß nicht, ob ich das bei meinem eigenen Buch ertragen könnte. Vielleicht ist es besser, die Figuren in den Köpfen der Leser zu belassen.

 

Liebe Verlage, wenn das Interesse an diesem Projekt geweckt ist, schreibt uns einfach. Wir leiten die Nachricht an den Autor weiter: kontakt@tintenfeder-autorenportal.de

 

 

Leseprobe:

Auszug aus Kapitel 3 – Waldkönigen

Verschwitzt, mit vom Wind zerzaustem Haar näherte Julián sich Waldkönigen. Er konnte Dunas keuchenden Atem hören, gönnte ihr aber keine Pause. Übermächtig war sein Bedürfnis, Abstand zu den Geschehnissen in Totumays Hütte zu gewinnen.

Wie war so etwas möglich? Er zweifelte an seinem Verstand.

Drogen. Das war die einzige Erklärung, die ihm einfiel.

Dennoch fühlte er sich in diesem Augenblick glasklar. Die Umnachtung, die ihn zuvor erfasst hatte, war einer übergroßen Schärfe gewichen.

Das Gesicht der Frau in der Hütte war ohnehin klarer gewesen, als alles, was er zuvor erlebt hatte. Noch immer hallte ein Echo ihres Blicks in ihm nach.

LSD vielleicht? Er hatte es nie probiert. Konnte ein Trip so schnell vorüber gehen? Julián bezweifelte es.

Vermutlich ein Kraut aus dem Wald. Tollkirschen. Fliegenpilze.

Er würde es nicht herausfinden. Keinen Fuß würde er je wieder über diese Schwelle setzen. Gerade so, dass er noch einmal davon gekommen war!

War Lola von allen guten Geistern verlassen, ihn zu einem solchen Scharlatan zu schicken?

 

Moritz stand mit weit aufgeknöpftem Hemd vor der windschiefen Scheune. Die Augen in seinem wettergegerbtem Gesicht weiteten sich, als Julián auf das Gehöft ritt.

„Schon zurück?” rief er. „Ich hatte nicht vor morgen mit euch gerechnet!”

Eine Welle der Erleichterung durchflutete Julián.

„Ging schneller, als erwartet”, erwiderte er lakonisch und schwang sich aus dem Sattel. Er mied Moritz‘ Blick.

„Du siehst aus, als wärst du dem Leibhaftigen begegnet. Ganz blass um die Nase!”

Als Julián nichts erwiderte, ergriff Moritz die Zügel der Stute. „Jetzt muss erstmal Duna versorgt werden. Hinten im Stall findest du Stroh. Damit kannst du sie trocken reiben. Ich hole ihr Hafer.” Liebevoll tätschelte er den Kopf des Pferdes.

An Julián gewandt meinte er: „ Und du siehst aus, als könntest du einen Kaffee vertragen!”

 

Eine halbe Stunde später saßen Moritz und er vor zwei dampfenden Tassen Kaffee in der Küche des Bauernhauses. Die Luft war angenehm kühl, da die Sommerhitze nicht durch die weißgekalkten Mauern drang. Im Herd knisterte das Feuer, das Moritz entfacht hatte, um den Kaffee zu brühen.

Feuer.

„Darf man hier rauchen?”

„Tu dir keinen Zwang an!”

„Ein Kaffee ohne Zigarette ist wie eine Geburt ohne Kind!”

Moritz lachte. „Wohl wahr. Es ist die, die mir am meisten fehlt.”

Julián legte seinen Tabak verlegen zurück.

Der Landwirt schüttelte den Kopf. „Mach ruhig.”

Er griff hinter sich, öffnete den Schrank und stellte einen Aschenbecher auf den Tisch.

Julián zündete sich eine Zigarette an.

„Du kennst Totumay?” fragte er.

„Kennen ist übertrieben. Ich war zweimal bei ihm. Habe ihm bei der Veranda geholfen. Aber es wird allerhand geredet.”

„Wie lang lebt er schon dort draußen?”

„Als Totumay hierher kam, war ich noch grün hinter den Ohren. Ich erinnere mich daran, als er zum ersten Mal unseren Hof betrat. Ich schleppte gerade einen Korb Kartoffeln ins Haus. Plötzlich stand mir dieser merkwürdige Fremde gegenüber. Er hatte steingraue Augen. Auch ansonsten sah er irgendwie anders aus.”

„Diese Zähne!”

„Damals hatte er noch alle Zähne. Das war es nicht. Dennoch wirkte er wie eine Gestalt aus einer anderen Welt. Ich erschrak, als er auf einmal vor mir stand.”

Julián nippte an seinem Kaffee und dachte an seine eigene Begegnung mit dem Alten. Er griff nach seinem Pullover. Ihn fröstelte.

„Aber was ist mit seinen Zähnen passiert?”

„25 Jahre im Wald”, erwiderte Moritz. „Er ist nie rausgekommen.”

„Er hat seinem eigenen Verfall zugesehen”, murmelte Julián.

Moritz zuckte mit den Achseln.

„Was wollte er damals?”

„Meinen Vater sprechen. Ich rannte los und holte ihn. Dann zogen sich die beiden in das Arbeitszimmer meines Vaters zurück. Zu gern hätte ich gewusst, was die beiden zu bereden hatten – aber mein alter Herr hat mich aus dem Zimmer geschickt. Das hielt mich allerdings nicht davon ab, mich in der Nähe der Tür herumzudrücken. Zumindest wollte ich noch einen Blick auf den Fremden erhaschen, wenn er ging. Aber es dauerte. Als sie nach einer Ewigkeit aus der Stube kamen, saß ich im Baumhaus. Dort konnten sie mich nicht sehen.”

Moritz nahm die Kaffeetasse zur Hand, trank jedoch nicht.

„Was haben die beiden besprochen?”

„Ich habe es nie herausgefunden. Aber ich konnte sehen, was danach geschah. Tagelang habe ich damals kein Wort mit meinem Vater geredet.”

„Was ist passiert?”

„Mein Vater gab dem Fremden mein Pferd. Ravna. Dabei hatte er ihn mir geschenkt, als er ein Fohlen war. Er war unser bestes Pferd im Stall. Pechschwarz, mit seidenweichem Fell. Aber mehr noch war dieser Hengst mein Gefährte, mein bester Freund. Ich konnte nicht glauben, dass mein Vater das getan hatte.”

Moritz wandte sich ab.

„Ich hatte früher eine Stute. Sie hieß Pras”, sagte Julián leise. „Ich musste sie in Spanien zurücklassen, als wir nach Deutschland zogen.” Freundschaftlich klopfte er Moritz auf die Schulter.

„Es ist viele Jahre her. Aber du weißt, wie das ist.” Moritz räusperte sich. „Möchtest du ein Glas Wasser? Oder ein Bier?”

„Wasser ist okay”, entgegnete Julián.

Moritz kehrte mit einer Flasche Sprudel aus dem Keller zurück.

„Hast du Ravna je wiedergesehen?”

Moritz schüttelte den Kopf.

„Es sollten viele Jahre vergehen, bis ich Totumay wiedersah. Von Ravna keine Spur. Ich glaube, er hat nie wieder ein Pferd besessen. Allerdings tauchten in all den Jahren immer wieder Menschen auf unserem Hof auf, um sich Pferde zu leihen.”

„Aber was reden die Menschen über ihn?” fragte Julián.

„Obwohl sein Besuch kaum mehr als eine Stippvisite war, war Totumays Ankunft im Dorf nicht unbemerkt geblieben. Natürlich wurde getratscht. Die Leute begannen Geschichten über den seltsamen Fremden zu erzählen. Er kam aus dem Nichts und wollte zwischen Büschen und Bäumen leben? Das bot Stoff für Spekulationen! Schnell war er zu ihrem Waldheiligen geworden. Keine Ahnung, woher die Dörfler die Geschichten nahmen. Interessant war allenfalls, dass ihr Inhalt sich stets ähnelte.”

Julián legte die Stirn in Falten.

„Dabei hat niemand je auch nur seinen richtigen Namen herausgefunden”, fuhr Moritz fort. „Die wildesten Gerüchte machten die Runde. Totumay war abendfüllendes Kneipenthema.”

Julián verzog die Lippen zu einem Grinsen. „Kann ich mir vorstellen.”

„Für die einen war er ein reicher Aussteiger – langweilige Theorie, wenn du mich fragst. Andere sprachen davon, dass er Probleme mit der kasachischen Mafia hätte. Es war von illegalen Hundekämpfen die Rede. Wieder andere vertraten die Auffassung, er müsse den Staat um mehrere Millionen geprellt haben – weswegen sonst hätte er seinen Namen ändern sollen? Diese Geschichten erklärten immerhin, warum er in unserem Wald untergetaucht war.”

„Klingt alles nicht sehr plausibel”, meinte Julián. „Was hätte er mit dem ganzen Geld im Wald anstellen sollen?” …

 

 

Auszug aus Kapitel 21 – Die weiße Hand

(Im Buch gibt es ein Glossar – kursiv gedruckte Begriffe erkläre ich hier am Ende des Textauszugs.)

María Dolores war vierzehn, als ihrer Jugend ein jähes Ende beschieden war.

Man schrieb das Jahr 1968.

Überall auf der Welt revoltierten die Studenten. Seit der Ermordung Ché Guevaras im bolivianischen Dschungel war kaum ein halbes Jahr vergangen. Die von ihm vorhergesagten vielen Vietnams hingegen ließen auf sich warten. Während auf den Straßen und in den idyllischen Parks von San Francisco Blumenkinder ihren Traum von freier Liebe träumten, wurden in Tlaltelolco, einem Hauptstadtviertel des benachbarten Mexiko, Aberhunderte von Protestierenden niedergemetzelt, um den anstehenden Olympischen Spielen ein nicht minder idyllisches Gepräge zu verleihen.

Kein Echo dieses taumelnden Weltenlaufs drang bis an den abgeschiedenen Lago Atitlán. Die Menschen hier hatten mit eigenen Problemen zu kämpfen.

 

Der Tag begann wie so viele andere.

Eufemia, María Dolores, ihre ältere Schwester Lucía mitsamt ihrem Sohn Francisco und die Großmütter, Rosalia und Candelaria, saßen vor der Hütte und kneteten Teig für die Tortillas.

Rosalias Ehemann Pablo saß auf einem Schemel unter dem Fenster. Er fühlte sich an jenem Morgen nicht wohl.

Pepito, ein langbewimperter Jüngling von fünfzehn Jahren, war zusammen mit Salvador und Rafael, Lucías Ehemann, unterwegs, um auf der Milpa nach dem Rechten zu sehen.

Die Sonne erstrahlte vor stahlblauem Himmel. Friedlich lag der See in seinem vulkanumsäumten Bett. In den Gassen des Dorfes hallten Hundegebell und das Geschrei spielender Kinder.

Es war Ende Oktober. Die Regenzeit war vorüber. In San Marcos bereiteten die Menschen sich auf eine Feier zu Ehren von Yolandas Geburtstag vor. Die Curandera lebte, wie zu Zeiten von María Dolores’ Geburt, in der Hütte nahe dem Dorfeingang.

Für die folgende Woche war die Abreise der Familien in Richtung Küste angesetzt – ein Thema, das Salvador keine Ruhe ließ.

„Wir brauchen eine solche Kooperative”, meinte er zu Rafael, als die drei Männer sich auf dem Rückweg ins Dorf befanden.

Jeder von ihnen trug den üblichen Sonnenhut. Auch die am Gürtel befestigte Machete fehlte nicht. Ihre Schatten unterschieden sich dennoch: Salvadors war kurz und quirlig, der seines Sohnes wirkte, als hätte er sich selbst noch nicht an die neue Größe gewöhnt, wohingegen das Abbild des Schwiegersohnes ein ruhender Pol zu sein schien.

Rafael lauschte den Ausführungen des Schwiegervaters.

„Im Hochland von Quiché soll es schon eine ganze Reihe davon geben.” Schwarz strahlten Salvadors Augen unter der Krempe des Sombreros hervor. „Stell dir vor, wir könnten unser Geld selbst verwalten!”

„Das hieße, wir müssten uns keins mehr vom Finquero leihen”, vollendete Pepito den Gedanken seines Vaters.

„Wir kämen ohne Schulden auf den Plantagen an”, ergänzte Rafael und strich sich durch den Kinnbart, den er sich seit einigen Wochen stehen ließ. „Der Finquero könnte uns dieses Geld also nicht mehr vom Lohn abziehen.”

„In ein paar Jahren müssten wir gar nicht mehr in den Süden!” rief Salvador.

Ein Graufuchs huschte über den Weg. Eine seltene Begegnung. Salvador runzelte die Stirn. Er traute Füchsen nicht. Auch seine Begleiter sahen dem Schatten nach, der sich ins Gebüsch geschlagen hatte.

„Wie dem auch sei”, setzte Salvador schließlich aufs Neue an, „Fabián hat mir erzählt, dass die organisierten Bauern sich letztes Jahr geweigert haben, für 25 Centavos zu arbeiten. Alle gemeinsam, wie ein Mann.”

„Riskantes Spiel”, entgegnete Rafael.

„Das stimmt”, pflichtete sein Schwiegervater ihm bei. „Aber funktioniert hat es. Wenn wir alle nein sagen, können wir etwas erreichen.”

Rafael blickte nachdenklich auf den See im Tal hinab.

„Wäre das Leben nicht schön, wenn wir unser eigenes Land hätten? Nicht so ein kleines Fleckchen wie jetzt, sondern so wie unsere Vorfahren. – Unser Land.”

Pepito nickte seinem Schwager beifällig zu: „Da hast du Recht. Was für ein Leben das wäre! Du müsstest dir keine Sorgen mehr machen, wie du Francisco durchbringen sollst. Und wenn Rosa und ich erst mal Kinder haben –” Mit träumerischem Blick stapfte er hinab in Richtung Tal.

(…)

„Ich sag es euch ja! Wenn wir alle an einem Strang ziehen, haben wir mehr Macht als wir glauben.”

„Aber diese Kooperativen”, Rafael zog die Nase kraus. „Das riecht nach Ärger!”

„Soweit ich gehört habe, steht in Quiché die Kirche hinter den Kooperativen. Also kein Grund, dir Sorgen zu machen. Angeblich hat sogar die Regierung selbst oben im Norden, im Dschungel von Ixcán, Land verteilt, damit die Bauern ihre Felder bestellen können.”

„Das hört sich doch gut an. Ich verstehe manchmal gar nicht, wieso du immer so auf die schimpfst!” meinte Pepito. „Vielleicht haben auch wir irgendwann Glück und bekommen unser eigenes Land.”

„Ich kann dir schon sagen, warum mir diese Regierung stinkt, hijo. Dieser Méndez Montenegro ist ein falscher Hund. Erst lässt er sich von uns bei den Präsidentschaftswahlen unterstützen und kaum ist er gewählt, verbietet er unsere Partei! Der spielt das gleiche Spiel wie die Generäle vor ihm! Nichts wird sich für uns ändern! Seit Jahren wird alles schlimmer. Wir wissen doch kaum noch, wie wir unsere Familien ernähren sollen. Außerdem gibt es Gerüchte –”

„Ich bin ganz zufrieden”, entgegnete Pepito kleinlaut. „Immerhin haben wir einander und die Leute im Dorf.”

„Das sehe ich genauso”, erwiderte Salvador. „Aber siehst du – das ist ein Grund mehr, warum eine solche Kooperative das Richtige für uns ist. Du denkst zuerst an die Menschen im Dorf und an unsere Familie.”

„Natürlich, an wen sollte ich sonst denken?”

„Das siehst du so, das sieht Rafael so und das sehe ich so. Aber glaub mir, seit ich in der Partei bin, habe ich eins gelernt. Viele Menschen denken ganz anders als wir.”

„Aber wie denken sie denn?”

„Ans Geld. An sich selbst. Sie kennen keine Gemeinschaft.”

„Ist das nicht irgendwie traurig?” fragte Pepito und es schien ihm ernst damit.

Salvador nickte. „Das ist es.” Rafael lief schweigend neben ihnen her. „Wir, die wir ohnehin zusammen gehören, weil wir zusammen aufgewachsen sind und unser Leben lang alles geteilt haben, müssen uns endlich unabhängig machen von den Ladinos. Eigene Läden aufmachen, eigene Kleider herstellen, unser Geld verwalten und einander helfen. Was immer wir zurzeit kaufen, nutzt ausschließlich den Ladinos. Wenn wir eine Kooperative gründen”, Salvadors Blick wanderte in die Ferne, „dann werden wir irgendwann unsere eigenen Herren sein.”

„Salvador, wir dürfen unsere Familien nicht in Gefahr bringen.” Rafaels Stimme klang ernst.

„Wenn wir nicht endlich anfangen, uns zu organisieren, werden wir unser Land nie zurückbekommen”, entgegnete Salvador. „Bringen wir unsere Familien nicht in Gefahr, wenn wir sie nicht ernähren können?”

„Und diese Gerüchte? Die du gerade erwähnt hast?” wollte Rafael wissen. „Worum geht es da?”

Sie waren inzwischen im Dorf angelangt. Einige Hunde hatten ihre Ankunft bemerkt und umsprangen sie freudig.

„¡Chucho! Verpiss dich! – ¡Quita!” Der fuchsrote Hund, der an Pepito hochgesprungen war, trollte sich.

„Es heißt, die Regierung ließe im Osten drüben Bauern umbringen, um der Guerilla die Basis –”

In diesem Augenblick legte Rafael seinem Schwiegervater eine Hand auf die Schulter. Er deutete auf einen Felsen unweit der Hütte, die Salvador mit seiner Familie bewohnte. Jemand hatte eine weiße Hand auf den Felsen gesprüht.

Die Farbe wich aus Salvadors Gesicht.

„Was ist das?” flüsterte Pepito.

„Die Weiße Hand.” Salvador schluckte. „Gott steh uns bei!”…

 

Kurzglossar:

  • milpa – nachhaltiges Landwirtschaftsprinzip in Guatemala; besteht für gewöhnlich aus Mais, Bohnen und evtl. einem Kürbisgewächs
  • curandera – Heilerin, Schamanin
  • El Quiché / Ixcán – Regionen in Guatemala
  • finquero – Großgrundbesitzer
  • hijo – Sohn
  • ladinos – europäisch-stämmige Guatemalteken; stellen im Normalfall die Oberschicht dar
  • chucho – Köter
Micha

Über Micha

Der Mann hinter der Tastatur. Die Tastatur hinter einem Berg von Kaffeetassen.

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